Bruckners Klavierwerk-oder die Grenzen des Genies – Jean-Claude Hulot über Markovinas Bruckner CD

Bruckner hinterließ nichts wirklich Bedeutendes für das Klavier, aber die Aufnahme seiner Stücke und Skizzen eröffnet eine interessante, wenn auch marginale Perspektive für sein Werk und seine Persönlichkeit. Diese neue CD, die vollständiger ist als die bisher von CPO und Bis veröffentlichten, ist daher mit einem (kleinen) weißen Stein zu begrüßen.

Als – nach der einhelligen Meinung aller, die ihn hörten- genialer Organist hinterließ Bruckner den „Königsinstrumentalisten“ fast nichts, sondern zog es vor, zu improvisieren und seinen Zuhörern die Ideen seiner großen Symphonien in einer Art Vorschau zu liefern. Seine Beherrschung der Tastatur erstreckte sich natürlich auch auf das Klavier, denn der Unterricht, den er seinen jungen Schülern gab, war für ihn eine Möglichkeit, in seinen mageren Jahren zu überleben. Aber das Klavier war nie der Vertraute seines Geistes, wie es für Chopin, Schumann oder Liszt war. Sein Klavierwerk ist eine Sammlung kleiner Stücke (viele dauern nicht einmal eine Minute!), von denen keines, seien wir ehrlich, auf den zukünftigen Symphoniker verweist. Er hörte auf, für das Klavier zu schreiben, sobald er sich den Orchesterwerken zuwandte, die ihn berühmt machen würden.

Dennoch erlaubt uns Ana-Marija Markovinas sehr vollständige CD (mehr als Wolfgang Brunners frühere Einspielungen bei CPO und vor allem Fumiko Shigara bei Bis), Bruckners Grad der Schreibfertigkeit auch in den kleinsten Albumblättern zu beurteilen…. Und es ist ein Vergnügen für den Gourmet, ihn die Themen der Regiments-Tochter für seine Lancier-Quadrille verwenden zu hören. Nur die letzten Stücke auf der CD, die übrigens keinesfalls zufällig deutsche Titel tragen, offenbaren ein leichtes Vorspiel auf den zukünftigen “Minnesänger Gottes”, wie Liszt ihn liebevoll nannte. Markovina hat die gute Idee, auf einem prächtigen kaiserlichen Bösendorfer zu spielen, wobei der berühmte Wiener Hersteller derjenige war, der Bruckner bereits ein eigenes Instrument zur Verfügung gestellt hatte. Es ist auf den historischen Fotos zu sehen (Brunners CD bei CPO präsentierte einem Bösendorfer aus dem 19. Jahrhundert einen unnachahmlichen Klangcharme). Eine kleine, aber charmante und lehrreiche CD über das brucknersche Werk und seine symphonischen Kathedralen.

Jean-Claude Hulot, ResMusica, 17. November 2018

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By Paula Muthig